Pauline Meyer, Augenoptikermeisterin und Mareike Riess, Augenoptikermeisterin

01.08-29.10.2016

Am 1.August 2016 landeten wir in Accra und unser Abenteuer begann. Wir staunten, wie anders es in diesem Land zugeht- man wird von jedem absolut herzlich begrüßt und aufgenommen- aber wohl am meisten darüber, dass die Uhren hier anders ticken und es hier keine Eile oder Hektik gibt –den Straßenverkehr ausgenommen. Ein ghanaisches Sprichwort bringt diese Einstellung wohl auf den Punkt: „Die Europäer haben die Uhren, die Afrikaner haben die Zeit.“

Das Land hat uns vom ersten Augenblick an begeistert und alle Menschen haben uns mit offenen Armen aufgenommen, vor allem all unsere Kollegen und Kolleginnen hier, die uns ohnehin schon freudig erwartet haben, da sie wussten, wir bringen frischen Wind, Veränderungen und Fortschritte mit.

Unsere Aufgabe, die Leute zu Optikern auszubilden, ihnen unser Handwerk zu zeigen und damit vertraut zu machen, war klar. Frisch von der Schule und höchst motiviert stürzten wir uns in die Arbeit. Leider prallte unsere europäische Denk-und Lehrweise nicht selten gegen die der Ghanaer, die ein nicht wenig stolzes Volk mit eigenem Kopf sind. Die Mitarbeiter hier hatten natürlich vorher schon einiges ausprobiert und auf teils erstaunliche Weise oft ihren eigenen Weg gefunden, eine Brille zu fertigen. Jedoch mussten wir schnell feststellen, dass diese Arbeit nicht mit unserer Vorstellung von Qualität und optischer Genauigkeit übereinstimmt.
Wir steckten unsere Ziele hoch, denn wissbegierig und auch stets bemüht waren die Mitarbeiter. Wir wollten einen richtigen „Optikerladen“ aufbauen, mit Werkstatt und schönem Verkaufsbereich und allem was dazu gehört. Doch vor allem wollten wir gute Brillen für die Patienten fertigen und wir wussten schnell, dass wir, um das zu erreichen, weiter ausholen und mit Grundlagen starten müssten, denn entgegen der Vorstellung vieler Angestellter, es würde einfach und schnell gehen eine Brille zu fertigen, ist dafür viel Hintergrundwissen über Theorie und Technik von Nöten. Eine richtige, offizielle Ausbildung zum Optiker mit Zertifikat, ist in Ghana nur schwer zu bekommen. Es gibt nur eine einzige Schule für ganz Westafrika mit beschränkter Schülerzahl (bei Kumasi). Genauso schwer ist es allerdings auch, einen eben dort ausgebildeten Optiker als Angestellten aufs Land zu locken. Daher sind die Chancen momentan leider eher gering, einen gelernten Optiker ins MMCH zu holen und auch nicht verwunderlich, dass derzeit auch kein offiziell ausgebildeter Optiker vor Ort ist, sondern lediglich ein angelernter ehemaliger Taxifahrer.

Zu Beginn erschreckte uns die lückenhafte Ausstattung und ein gewisses Chaos. So vergingen die ersten beiden Wochen schnell mit Entrümpeln, Aufräumen und Sortieren. Ein nicht unbeachtliches Brillenglaslager wurde hierbei entdeckt und nach und nach sortiert und aufgelistet. Wir waren überaus erstaunt, wie viele gespendete Gläser es gab und wollen versuchen diese Gläser gerade an Bedürftigere für kleineres Entgelt weiter zu geben. Erschwerender Weise konnten wir zu Beginn nicht

einmal schleifen, da die vorhandenen Maschinen nicht so funktionierten, wie wir das wollten bzw. Teile zur Vorbereitung fehlten und auch der Wasseranschluss nicht funktionierte. Also übten wir mit unseren neuen Kollegen alles, was dazu gehört, von Beginn an, wie zum Beispiel die Fertigung einer Formscheibe, die Pupillendistanz-messung und sämtliche Theoriegrundlagen, mit von Kollegen mitgebrachtem und geliehenem Werkzeug. Gleichzeitig haben wir versucht, uns Hilfe aus Deutschland zu holen und dank großer Unterstützung aus der Heimat und der German Rotary Volunteer Doctors (GRVD) konnten wir bald wirklich loslegen, denn es wurde einiges Werkzeug geschickt und gespendet. Schließlich fuhren wir noch nach Accra, um dort eine gebrauchte Schleifmaschine mit dem ganzen Zubehör (Tracer und Aufblocker) zu kaufen, finanziert von Aktion Volta Augenklinik e.V. So konnten wir nun endlich Patientenbrillen schleifen und abgeben. Jedoch kann man sich gut vorstellen, dass es für die Kollegen hier nicht leicht ist, innerhalb von kurzer Zeit die neuen Maschinen zu beherrschen, da ein hohes Maß an handwerklicher Geschicklichkeit und Genauigkeit benötigt wird. Der angelernte Optiker und ein weiterer Kollege, den wir zusätzlich für die Optikerwerkstatt vorgesehen haben, benötigen jetzt viel Zeit zum Üben und weiterhin die Unterstützung von gelernten Optikern, die Ihnen über die Schulter schauen und ihnen alles beibringen, weshalb wir für den fließenden Übergang der uns folgenden Kollegen (Frau Walbrecht und Frau Schneider) sehr dankbar sind. Die kontinuierliche Fortführung der Betreuung und Lehre durch gelernte Optiker ist aber auch in anderen Bereichen noch dringend nötig: Oft fehlt die nötige Übung, um einschätzen zu können, wie eine verordnete Brillenstärke nun zum richtigen, für den Patienten passenden, Brillenglas wird. Die Beratung über den Brillentyp etc. generell benötigt noch viel Schulung. Aber auch die Logistik der Bestellung der Gläser ist zeitweise noch eine Herausforderung, auch wenn wir hier durch den Wechsel zu einer sehr zuverlässigen und kompetenten Firma (Canada Optical Labs) große Fortschritte gemacht haben. Man kann es sich ja vorstellen: unsere Kollegen haben sich hier, wie oben beschrieben, vorher eigene Wege gebahnt. So sind viele Veränderungen auf so kurze Zeit schwierig und wir bekamen das Gefühl, die Zeit arbeitet gegen uns. Wir konnten zwar auch schon im Verkaufsraum erste Schritte, wie einen Tisch mit Stühlen und einen Spiegel angehen, jedoch kann man hier mit mehr Zeit noch einiges verändern, ebenso wie in der Werkstatt: Dort sollte man die Arbeitsflächen, auf denen die Geräte stehen, höher anbringen, um zu verhindern, dass unsere Kollegen immer gebückt arbeiten müssen.

Unser Wunsch ist natürlich nun, dass unsere Bemühungen nicht im Sande verlaufen, sondern dass weiter auf bereits Entstandenes aufgebaut wird. Wir haben hier alle gemeinsam einen tollen Grundstein gelegt und einiges ins Rollen gebracht. Jedoch muss man einfach einsehen, dass das nicht alles in drei Monaten weiterzugeben ist und diese Zeit für ein so großes Vorhaben nicht ausreicht, vor allem nicht, wo doch die Uhren hier so anders ticken. Darum sind wir froh und stolz auf das, was wir gemeinsam geschafft und erreicht haben und wünschen uns weiterhin (auch 2017) Nachfolger, um die gesetzten Ziele zu erreichen und mit diesen tollen Menschen hier etwas auf die Beine zu stellen.